Alles in bester Ordnung

Alles in bester Ordnung

Jahrelang ließ ein Berliner Jugendamt den kleinen Jungen einer polizeilich bekannten Alkohol- und Drogensüchtigen Prostituierten verwahrlosen. Hinweise von Polizei, Schule und Nachbarn wurden ignoriert. Nachdem ein Journalist den Fall dokumentiert und Anzeige erstattet, wird er vom Jugendamt bedroht. Ein Jahr später eskaliert die Situation. Patrick (7) wird nachts um zehn völlig verwahrlost in Berlin von der Polizei aufgegriffen. Der Junge kommt in die Psychiatrie und der Journalist wird verhaftet. Wie steht es eigentlich wirklich um die Pressefreiheit in Deutschland?     von Udo Sabiniewicz

Berlin Moabit, Brennpunkt. An der Wohnungstür in der Waldstraße ist kein Namensschild. Nachbarn sprechen mich an. Ob ich denn vom Jugendamt sei und das wäre auch höchste Zeit. Nein, bin ich nicht. Dann ein Gespräch mit der Schulleitung der James Krüss Schule. Sie erzählt mir das, was seit sechs Jahren einen dicken Aktenordner beim Jugendamt füllt. Neben Polizeieinsätze – Kind wird misshandelt, Haustür eingetreten, verletztes Baby aufgefunden; später wieder häusliche Gewalt, Alkohol, Kind wird in Sicherheit gebracht; Kita – Mutter ständig volltrunken; Sozialamt – Mutter betrunken, kein Geld ausgezahlt – auch ein Brief von der Hausverwaltung:

„Wir möchten Sie darüber informieren, dass die Wohnverhältnisse von Frau W. in einem katastrophalen Zustand sind und wir uns Sorgen um das kleine Kind machen. Frau W. ist Alkoholikerin und randaliert im Haus. Wir möchten Sie bitten sich dieser Angelegenheit anzunehmen.“

Sieben Jahre später wird Patrick einem Gutachter zwei Bilder malen. Sein Zimmer beschreibt er als einen Raum zum Überleben. Dann noch ein Bild, wo er im Meer am Ertrinken ist und Haie ihn fressen wollen. Doch dann kommt ein Rettungsexperte, der alles aufhalten kann. Nein, kann er nicht.

Wie fühlt sich ein Kind, das von der eigenen Mutter gehasst wird, der leibliche Vater um sein Kind in Trennung kämpft, es gegen Bezahlung mal ein paar Stunden sehen darf, ihm Spielzeug kauft, das die Mutter am nächsten Tag versetzt um Schnaps zu kaufen. Wenn man den Überlebensraum nicht verlassen darf, damit es nicht sieht, wie andere Kinder leben und damit es nicht gesehen wird, wie es leben muss?

In der James Krüss Schule reden wir die ganze Zeit aneinander vorbei. Während die Schulleitung eigentlich über die dort beschulte Tochter Linda (10J.) spricht, erfahren sie erstmals von mir, dass es auch noch einen Patrick gibt. Es schien für die Lehrer das Letzte zu sein, was sie sich hätten vorstellen können. „Diese Frau hat auch noch einen kleinen Sohn – was macht das Jugendamt“? Nichts. Im Grundgesetz steht dafür die 4.Gewalt, um behördliches Versagen öffentlich zu machen. Um etwas zu bewegen.

Juni 2007. Zahlreiche Berichte über Verwahrlosungsfälle gingen gerade durch die Medien. Mutter von Dämonen besessen, sie soll ihre Kinder töten. In Blumenkübeln verscharrte Babyleichen. Kinder aus Müllwohnung befreit. Und eine Presse, die an der Eskalationsschraube von Versagen & Vertuschen dreht. Denn auch das Jugendamt ist erstmal nur eine Behörde, in der viele tausend Menschen arbeiten. Aufopfernd und fürsorgend, überlastet und resignierend. Mit der Migrationswelle stieg die Zahl der Inobhutnahmen 2016 auf  84.230 Kinder . 2005 waren es gerade mal 25.664.

Das Letzte was man in einer solchen Situation gebrauchen kann, sind Mitarbeiter mit einer Persönlichkeitsstörung. Frau W., zu ständig für Familie W., scheint einen Hass auf alles Männliche zu haben. Während Patrick in seinem Überlebensraum zusehen muss, wie die Tochter aus zweiter Partnerschaft geliebt und verwöhnt wird, schreibt der Vater von Patrick Brandbriefe an das Jugendamt, dass er seinen Sohn aus seinem Überlebensraum auf seinen Bauernhof mit Geschwistern und Ponys holen möchte. Aktenvermerk von Frau W. hierzu: Könnte der Vater das Sorgerecht unerwünschter Weise haben? Hat er. Sie haben es nie geprüft. Vater unerwünscht.

Fehler passieren in jedem Betrieb. Wer uns die absolute Sicherheit versprechen möchte, ist ein Heuchler. Bei Patrick ging es nicht darum, das Versagen einer einzelnen Jugendamt Mitarbeiterin zu beklagen. Bekanntlich versuchen Alkoholiker und Verwahrloste ihre Verhältnisse zu kaschieren, ja gar zu leugnen. „Manchmal hab ich mich gefragt, ob der Junge noch lebt“, sagt eine Nachbarin, die ihn mehrfach nach den Polizeieinsätzen in Obhut nahm. Wir laden Frau W. mit ihren Kindern über einen Verein in eine Ferienwohnung nahe Heidelberg im Odenwald ein, und zeichnen mit versteckter Kamera und Recorder auf.

Am 1.Tag ist Frau W. sturztrunken und randaliert.
Am 2.Tag ist Frau W. sturztrunken und randaliert.
Für den 3.Tag versuchen wir es mit einem gemeinsamen Ausflug zum Technikmuseum nach Sinsheim.
Frau W. steigt mit Tochter unterwegs an der nächsten Kneipe aus.

Abends um 6 Uhr, nach der Rückkehr, ist Frau W. völlig außer Kontrolle. Sie redet von dem Spritzbesteck, das wir wohl bei ihr gesehen hätten und sie müsse sich spritzen, weil sie Diabetes hat. Nur wird Insulin nicht mit konventionellem Spritzbesteck verabreicht. Sie spritzt sich Heroin. Wir sagen ihr, dass es so nicht weitergeht und schildern die Lebensverhältnisse, die Patrick uns erzählt hat. Sie tritt den Jungen am Boden liegend zusammen und kündigt den kollektiven Suizid an. Sie ist ja Polin und in Polen kann man sich ja leicht eine Waffe besorgen. Die Szene wird heimlich gefilmt. Die Nachbarn rufen die Polizei. Sie wird wieder häusliche Gewalt und Alkohol feststellen. Ihre Protokolle werden nicht mehr in den Akten erscheinen.

Martha W. hat längst den Überblick mit Geldscheinen verloren. Sie müssen einfach nur irgendwie da sein. Patricks Vater darf für ein paar Stunden nach Heidelberg kommen und seinen Sohn sehen. Dafür muss er bezahlen. Doch für die nächsten drei Tage ist der Junge plötzlich verschwunden. Wir schicken ein Fax an die Polizei, ihn aufzufinden und in die Obhut der Behörden zu überstellen. Das Heidelberger Jugendamt schaltet sich ein. Endlich, könnte man glauben. Sie erklären sich für unzuständig, waren zumindest sofort gesprächsbereit. Aber wo ist Patrick?

Bis zum Sonntag hat ihn niemand gesehen. Dann ruft Martha W. an. Ein Bekannter, namens Andreas, Nachname unwichtig, sei aus Berlin gekommen um ihn mitzunehmen. Wo der Junge ist, weiß sie nicht so genau. Irgendwo in der Umgebung. 600km vom Heimatort entfernt in einer wildfremden Gegend. Wir zeichnen das Gespräch auf. Wird der Junge bereits vermietet? Nach unserer Anzeige befragt die Heidelberger Polizei das Berliner Jugendamt. Alles in bester Ordnung, erklärt Frau W. Ich habe mir Verwahrlosung und Alkohol nur ausgedacht, weil ich das Kind missbraucht hätte. Ich informiere Berliner Pressekollegen.

Es vergeht genau ein Jahr. Martha W. lässt fünf Vernehmungstermine bei der Polizei platzen. Mehrfach reißt Patrick aus und wird aufgegriffen. Mit der Presse im Nacken regt sich etwas beim Berliner Jugendamt. Man hält Sitzungen ab und protokolliert seitenweise das Desaster. Patrick ist schuld. Er ist Hyperaktiv und schwer erziehbar. Wen wundert’s. Man lädt die Schuld des Versagens auf den kleinen Jungen ab. Er dreht völlig durch, will sich im 5.Stock aus dem Fenster stürzen.  Patrick ist völlig verwahrlost und suzidial, schreibt später die Vivantes Klinik. Eine gemeinsame Therapie lehnt Martha W. ab. Zuviel zutun. Denn abends, so erzählt der Junge später dem Kindernotdienst, geht seine Mutter immer arbeiten und raucht weiße Zigarren, die ekelig stinken.

14.Juli 2008 – Der Polizeipräsident in Berlin
Gegen 22.00Uhr trafen wir am U-Bhf. Nollendorfplatz ein. Hier haben uns die Mitarbeiter des BVG das Kind Patrick V. übergeben. Das Kind war mit einem Garfield T-Shirt und einer kurzen Hose bekleidet. Es trug keine Schuhe bzw. Socken. Angaben zu seinem Geburtstag konnte er nicht machen. Er wusste nur, dass er sieben Jahre alt ist.
Um 22:45h suchen die Beamten die Wohnung auf. Frau W. sitzt teilnahmslos am Straßenrand.
Nach außen hatte sie nicht den Eindruck hinterlassen, als wenn sie sich Sorgen gemacht hätte. Sie hat auch keine Fragen aufgeworfen wie
-Wo warst Du? -Warum bist du weggelaufen -etc.
Mir hat sich der Eindruck „Na da ist er eben wieder da“ vermittelt.

Die Beamten betreten die Wohnung und dokumentieren die Verwahrlosung. Es gibt kaum Spielsachen, Kleidung und keine Lebensmittel, dafür verfaulte Essensreste und Chaos. 2.0 Promille stellen die Beamten bei Martha W. fest. Sie bringen Patrick in den Kindernotdienst.
Er drehte sich wortlos weg und zeigte keinerlei Gefühle.

Die Kollegen vom RBB stehen mit einem EB Team vor der Tür.

Seine Mama lag betrunken zu Hause, schreibt die BZ am Folgetag

Einen Tag nach dem Artikel beantragt Staatsanwältin Melsheimer, bestens mit dem Berliner Jugendamt bekannt, einen Haftbefehl gegen mich. Begründung: Fluchtgefahr wegen Kontakte ins Ausland. Die hat heute fast jeder. Besonders Journalisten. Patrick kommt in die Psychiatrie, Martha W. in die Entzugsklinik, ihr wird das Sorgerecht entzogen und Strafanzeige wegen Kindeswohlgefährdung erstattet.

Zeitgleich berichtet auch der US TV Sender CBN über das Jugendamt